Kreativität ist gefragt. Das werden sich wohl auch die InitiatorInnen folgender Aktion gedacht haben: Flashmobs verfolgen Angela Merkel
Die wohl witzigste und zugleich interessanteste Form des politischen Aktionismus, die ich seit langem gesehen habe. Auslöser war die Ankündigung, dass Angela Merkel auf einer Kundgebung in Hamburg spricht. Mit krakeliger Schrift, hat jemand zum Schriftzug: “Die Kanzlerin kommt” einfach “Und alle so: Yeaahh!” dazugeschrieben. In der Internet-Community war es der Renner schlechthin und schnell war dieses Foto in ganz Deutschland bekannt:

Flashmob… War auch mir ein neuer Begriff. Was ist das überhaupt? Natürlich lieferte mir Wikipedia prompt die Antwort:
Der Begriff Flashmob (flash – Blitz; mob – von mobilis – beweglich), auch Blitzauflauf, bezeichnet einen kurzen, scheinbar spontanen Menschenauflauf auf öffentlichen oder halböffentlichen Plätzen, bei denen sich die Teilnehmer üblicherweise persönlich nicht kennen. Flashmobs werden über Online-Communitys, Weblogs, Newsgroups, E-Mail-Kettenbriefe oder per Mobiltelefon organisiert. Obwohl die Ursprungsidee explizit unpolitisch war, gibt es mittlerweile auch Flashmobs mit politischem Hintergrund.
…
Einem Aufruf aus dem Internet folgend treffen sich die Teilnehmer an einem Ort, an dem sie weitere Instruktionen über den eigentlichen Aktionsort und Ablauf des Flashmobs bekommen. Typisch für Flashmobs sind die blitzartige Bildung des Mobs aus dem Nichts, das identische Handeln im Mob (z. B. applaudieren, telefonieren mit gleichen inhaltlichen Texten), und die abrupte Auflösung nach wenigen Minuten.
In der Praxis sieht das dann ungefähr so aus:
Primär haben ja Flashmobs keinen politischen Hintergrund, der Trend aber geht genau dorthin. Die Form des friedlichen (!) politischen Protests wird kreativer denn je. Nichtsdestotrotz wird vor allem von der Seite, gegen die sich der Protest meistens richtet, polemisiert. 2007 nutzte die deutsche Dienstleistungsgewerkschaft ver.di einen Flashmob um Druck bei den Tarifverhandlungen auszuüben. Es wurde natürlich gestreikt und wie bei jedem Streik gab es auch bei diesem StreikbrecherInnen. Daraufhin rief die ver.di alle Mitglieder zu einem gemeinsamen Flashmob auf. Alle (mehr als 40) TeilnehemrInnen sollten sich Artikel nehmen, die weniger als einen Euro kosteten, um so den Kassenbereich zu blockieren, in dem StreikbrecherInnen arbeiteten. Außerdem füllten sie Einkaufswagen randvoll und ließen sie dann in den Gängen stehen.
Der Handelsverband hielt das für unzulässig und klagte vor dem Bundesarbeitsgericht (BAG). Und wie das Schiksal so spielt, entschied das BAG zu Gunsten (!) von ver.di! Zitat:
Die Flashmob-Aktionen sind zulässig. Denn gewerkschaftliche Maßnahmen zur Durchsetzung tariflicher Ziele sind generell auf eine Störung betrieblicher Abläufe gerichtet. Es gehöre zur im Grundgesetz festgelegten gewerkschaftlichen Betätigungsfreiheit, die Wahl der Arbeitskampfmittel frei zu wählen. Nicht erlaubt seien allerdings Flashmobs, bei denen Schäden an Waren entstehen – beispielsweise, indem Einkaufswagen mit Tiefkühlartikel befüllt und stehen gelassen werden. Außerdem müsse sich der Arbeitgeber gegen derartige streikbegleitende Spontanaktionen auch wehren können, etwa durch die Ausübung seines Hausrechts oder eine kurzfristige Betriebsschließung.
Zurück zu Merkel. Diese Kritzelei am Plakat hatte nichts ahnend eine Massenbewegung ausgelöst. Den Höhepunkt bildeten die Flashmobs in Mainz und Hamburg, bei denen die TeilnehmerInnen nach jedem beendeten Satz Merkels lauthals “Yeaahh” schrien, um sowohl die Rednerin als auch die (meiner Meinung nach mehr als lächerlichen) Begrüßungs- und Unterstützungskomitees ins Lächerliche zu ziehen. Dank Web 2.0 gibt es auch davon wieder ein Video:
| Als wäre das alles nicht schon genug, wird das Original-Plakat auf ebay versteigert. Was natürlich nie fehlen darf ist das passende Shirt!
Eine Kampagne, die von keiner Partei initiiert wurde, sondern von den Jugendlichen selbst initiiert, gestaltet und ausgeführt wird. |
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Manche mögen meinen, das sei nur Quatsch und infantile Spielerei, aber dann verkennt man den wahren Charakter solcher Aktionen. Es zeigt, dass der Mythos, junge Menschen seien politikverdrossen, totaler Nonsens ist. Vielmehr ist es so, dass junge Menschen wahrscheinlich politischer sind denn je. Nur nicht im klassischen Sinn, dass man über parteinahe Vereine oder über die Partei in die Politik eingeführt wird und sich im starren, hierarchischen, innerparteiischen System einen Platz findet. Das politische Kommunikationsmittel des 21. Jahrhundert ist nunmal das Internet, vor allem Social Networking und Web 2.0-Medien. Junge Menschen wollen mehr direkte Demorkatie, mehr Partizipation, mehr direkte Mitbestimmung und eigene Gestaltung. Sie lehnen zunehmend parteigebundene Arbeit und Verpflichtung ab und lassen der eigenen Kreativität ihren Lauf. Es wird wohl nicht mehr lange dauern bis das klassische Parteiensystem und vor allem die klassische Parteiarbeit das Zeitliche gesegnet haben. Die Zeit ist reif für direkte Demokratie – für die Demokratie der jungen Menschen. Ganz nach dem abgewandelten Motto von Saturn: Demokratie ist geil! Von mir gibt’s dafür zwei thumbs-up. Hätte ich mehr Daumen, gäb’s auch mehr thumbs-up von mir, auf jeden Fall!
Eines möchte ich euch trotzdem nicht vorenthalten:
Den “Yeaahh-Song”!!
Mehr Infos:
Infos zum Song und der ganzen Aktion auf spreeblick.com
Der Original-Schriftzug

Michaela aka Frauenfuss hat sich das bereits ausgemalt.
Schlagworte: Deutschland, Direktdemokratie, Merkel, Web 2.0, Yeeah






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